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Die EZB kämpft mit höheren Anleiherenditen in südlichen Ländern

15. Juni 2022

EZB hält Sondersitzung ab © APA / THEMENBILD / FRISO GENTSCH

Die EZB verstärkt ihren Kampf gegen den Verkauf von Staatsanleihen aus den südlichen Ländern der Eurozone. Die jüngsten Turbulenzen an den Rentenmärkten haben Bedenken hinsichtlich der erneuten Schuldenkrise im Euro geweckt. Die Renditen auf Schuldverschreibungen in den Ländern des Euroraums sind in letzter Zeit stark gestiegen, aber diejenigen im Süden sind besonders stark gestiegen.

Länder wie Italien, die bereits von einer hohen Verschuldung betroffen sind, geraten durch die steigenden Finanzierungskosten noch stärker unter Druck. Die EZB will nun eingreifen, wie sie am Mittwoch nach einer Sondersitzung des EZB-Rates mitteilte. Auch die Währungsaufsichtsbehörden haben ein neues geldpolitisches Instrument in Aussicht gestellt.

Die Ankündigung brachte etwas Ruhe an die Rentenmärkte. Die Rendite der 10-jährigen italienischen Staatsanleihe fiel zeitweise auf 3,92 Prozent, im Tagesverlauf um 0,30 Prozentpunkte. Die Renditen griechischer 10-jähriger Staatsanleihen fielen um 0,35 Prozentpunkte auf 4,308 %. Nach einem kurzen Rückgang steigerte Dax seine Gewinne. Die wichtige Nachricht sei, dass die EZB etwas präsentieren wolle, sagte Zinsstratege Antoine Bouvet vom Bankhaus ING. „Wichtig ist, dass etwas kommt, und das gibt potenziellen Verkäufern italienischer Anleihen zumindest die Zuversicht, dass es eine Grenze für die Ausweitung der Renditespreads gibt.“

Auf ihrer Sondersitzung beschlossen die Währungshüter unter anderem, den Euroländern mit einer höheren Verschuldung bei der Reinvestition des Geldes ausstehender Anleihen besondere Hand zu reichen. Diese Länder müssen nun bei der anstehenden Reinvestition von Geldern aus dem kürzlich abgeschlossenen milliardenschweren Anleihekaufprogramm PEPP stärker berücksichtigt werden. Die EZB wird hier flexibel sein. Zudem wurden die Gremien der Notenbank angewiesen, rasch ein neues Instrument zur Bekämpfung der Umlenkung von Staatsanleiherenditen zu schaffen. Wie das Instrument aussehen soll, sagten die Währungsaufseher allerdings nicht.

Laut dem niederländischen Notenbankchef Klaas Knott soll das neue Instrument zum Einsatz kommen, falls die Umschichtung der Reinvestition in Anleihen aus den südlichen Euroländern nicht ausreicht. „Ob das ausreicht, wissen wir nicht, es hängt von der Reaktion der Märkte ab“, sagte das EZB-Vorstandsmitglied auf einer Konferenz. „Aber wenn das nicht genug ist, seien Sie versichert, dass wir bereit sind“, fügte er hinzu. Laut seinem Kollegen im EZB-Rat, Peter Kazimir, Gouverneur der Zentralbank der Slowakei, ist es noch zu früh, um zu wissen, wie das neue Instrument aussehen wird.

Bei einer Veranstaltung an der London School of Economics (LSE) am Abend versuchte EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die Erwartungen zu dämpfen. Es sei nicht die Aufgabe der Zentralbank, den Staatshaushalten zu helfen, sagte sie. Die EZB darf sich nicht von fiskalischen Erwägungen dominieren lassen. „Wir dürfen keiner Finanzherrschaft gehorchen, wir müssen unser Mandat erfüllen“, sagte der EZB-Chef. Und das soll Preisstabilität gewährleisten.

Der Spread (Spread) zwischen deutschen Staatsanleihen und Staatsanleihen stärker verschuldeter europäischer Länder im Süden, wie beispielsweise Italien, hat sich zuletzt ausgeweitet. Der Renditespread stieg am Dienstag auf über 2,50 Prozentpunkte, den höchsten Stand seit 2020. Er spiegelt auch die Befürchtungen der Anleger wider, dass die EZB im Rahmen ihrer angekündigten Zinserhöhungen die besonderen Bedürfnisse der Länder des Südens aus den Augen verlieren könnte. Die Ratingagentur Fitch rechnet in diesem Jahr mit einem Schuldenberg von 160 Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die von der EU erlaubte Obergrenze liegt bei 60 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: Die Schuldenquote Deutschlands liegt 2021 bei 69,3 Prozent.

EZB-Direktorin Isabel Schnabel sagte am Dienstag, die Geldpolitik müsse reagieren, wenn riskante Anleiheprämien durch die Decke gehen und die Preisstabilität und Zentralbankmaßnahmen behindern. Die jüngsten Schwankungen dort erinnern an die Euro-Schuldenkrise vor einem Jahrzehnt. Erst als der damalige EZB-Chef Mario Draghi versprach, die Notenbank werde alles in ihrer Macht Stehende tun, um den Euro zu retten („whatever it takes“), konnten die Finanzmärkte damals beruhigt werden. Dem Versprechen folgte die Entwicklung des OMT-Anleiherückkaufprogramms, das es der Zentralbank erlaubt, unbegrenzt viele Staatsanleihen von betroffenen Ländern zurückzukaufen. Das Programm wurde jedoch noch nicht umgesetzt. Allein die Ankündigung reichte seinerzeit aus, um den Renditeanstieg zu begrenzen.