Germany

Antisemitismus: Muslime stimmen deutlich häufiger Behauptungen zu als Nicht-Muslime

Antisemitische Stereotype und Ressentiments sind unter Muslimen in Deutschland deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Zudem stimmen AfD-Wähler deutlich häufiger antisemitischen Äußerungen zu als Wähler anderer Parteien. Das sind die Ergebnisse einer repräsentativen Studie, die das Allensbacher Institut für Demoskopie im Auftrag des American Jewish Committee (AJC) durchgeführt hat. Die Studie liegt WELT vor.

Demnach teilen fast 22 Prozent der Bevölkerung des Landes antisemitische Einstellungen, ein Befund, der durch die Forschung seit vielen Jahren durchgängig belegt ist. Fast 46 Prozent der befragten Muslime stimmen antisemitischen Äußerungen zu.

auch lesen

antisemitische Straftaten

Etwa jeder dritte Nicht-Muslim glaubt, dass Juden ihren Status als Holocaust-Opfer zu ihrem Vorteil genutzt haben. Immerhin 54 Prozent der deutschsprachigen Muslime stimmen dem zu. 23 Prozent der nichtmuslimischen Bevölkerung Deutschlands schließen sich dem antisemitischen Mythos an, Juden hätten zu viel Macht in Wirtschaft und Finanzen. 49 Prozent der befragten Muslime stimmen dieser Aussage zu.

Der Aussage „Juden sind reicher als der durchschnittliche Deutsche“ stimmen 27 % der Gesamtbevölkerung zu – sowie 47 % der Muslime. Das hat nichts mit der Realität zu tun: Seit den 1990er Jahren sind etwa 220.000 Menschen als jüdische Kontingentflüchtlinge aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach Deutschland gekommen; sie machen etwa 90 Prozent der in Deutschland lebenden Juden aus. Zwischen 65.000 und 70.000 dieser Menschen leben nach Angaben des Jüdischen Zentralamtes in Deutschland in Altersarmut, darunter viele Holocaust-Überlebende.

Ein Drittel der befragten muslimischen Vertreter glaubt sogar, dass Juden für viele Wirtschaftskrisen verantwortlich sind, was bei elf Prozent der nichtmuslimischen Befragten der Fall ist.

Quelle: Infografik WELT

„Die Ergebnisse machen einmal mehr deutlich, dass Antisemitismus nicht nur ein Problem an der politischen Peripherie ist, sondern tief in der Gesellschaft verwurzelt ist“, sagte Remko Leemhuis, Direktor des AJC Berlin. „Antisemitismus ist nicht nur ein Problem der muslimischen Gemeinschaft. Dieses riesige Problem darf jedoch nicht ignoriert werden, wenn der Kampf gegen Antisemitismus erfolgreich sein soll.

Die Studie zeigt auch einen engen Zusammenhang zwischen dem Grad der Religiosität und antisemitischen Ressentiments in der muslimischen Bevölkerung.

So fragten jene Muslime, die angaben, häufig Moscheen zu besuchen, den antisemitischen Äußerungen zuzustimmen, deutlich häufiger nach als jene Muslime, die angaben, nur gelegentlich, selten oder nie Gottesdienste zu besuchen. Allerdings ist die Zustimmung zu antisemitischen Äußerungen unter denjenigen, die selten Moscheen besuchen, manchmal geringer als unter denen, die nie zum Gottesdienst gehen.

Quelle: Infografik WELT

Auch in der Einstellung zu Israel gibt es deutliche Unterschiede. 54 Prozent der befragten Nicht-Muslime haben ein „gutes“ oder „sehr gutes“ Bild vom jüdischen Staat. Unter den Muslimen trifft dies nur auf 19 Prozent der Befragten zu, während zwei Drittel angeben, ein „schlechtes“ oder „sehr schlechtes“ Bild von Israel zu haben. Antisemitische Ressentiments sind viel häufiger bei Menschen, die ein schlechtes Bild von Israel haben.

Protest gegen die antiisraelische Boykottbewegung BDS

Quelle: dpa / Swen Torwächter

Der AJC hat zudem eine Untersuchung zu Unterschieden in der Zustimmung zu antisemitischen Äußerungen unter den im Bundestag vertretenen Parteiwählern in Auftrag gegeben. Auffällig ist dabei, dass bei allen Aussagen die Zustimmungswerte bei den AfD-Anhängern am höchsten und bei den Grünen am niedrigsten sind.

Immerhin 48 Prozent der befragten AfD-Wähler gaben an, Juden hätten den Holocaust zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt, verglichen mit 24 Prozent der Wähler der Grünen und 34 Prozent der Gesamtbevölkerung. 46 Prozent der AfD-Wähler halten Juden für reicher als den Durchschnittsdeutschen, 20 Prozent der Grünen und 27 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Quelle: Infografik WELT

Auch bei der Feier der nationalsozialistischen Judenvernichtung zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den befragten Gruppen. 91 Prozent halten das Gedenken an den Holocaust für wichtig. Aber auch unter Jüngeren (14 Prozent), Muslimen (21 Prozent) und AfD-Anhängern (24 Prozent) ist die Meinung weit verbreitet, dass Erinnerung „nicht so wichtig“ sei.

Bereits im Oktober vergangenen Jahres ergab eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Zentralrats der Juden in Deutschland, durchgeführt vom Institut für Meinungsforschung Forsa, dass AfD-Anhänger überdurchschnittlich antisemitischen Äußerungen zustimmten.

Weitere Ergebnisse der neuen Umfrage: 60 Prozent der Bevölkerung und 53 Prozent der Muslime halten Antisemitismus für ein weit verbreitetes Problem. 43 % der Gesamtbevölkerung und 37 % der Muslime glauben, dass rechtsextreme Ansichten der wichtigste Grund für Judenhass sind.

auch lesen

Kampftraining im Krav Maga

Dagegen sehen nur 17 Prozent der Gesamtbevölkerung und acht Prozent der Muslime islamistische Ansichten als wichtigsten Grund. Zwei Drittel der Muslime und 73 Prozent der Allgemeinbevölkerung sehen im Antisemitismus ein Problem, das nicht nur Juden, sondern die Gesellschaft als Ganzes betrifft.

Für die Studie befragte das Allensbach-Institut zwischen dem 22. Dezember 2021 und dem 18. Januar 2022 1.586 deutschsprachige Personen ab 18 Jahren, davon 561 Muslime. Zur Angleichung der Stichproben an die Allgemeinbevölkerung wurde eine Gewichtung auf Basis des Mikrozensus 2020 und der Studie „Muslimisches Leben in Deutschland 2020“ des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge durchgeführt.

auch lesen