“Jetzt brennt es” Die deutsche Industrie sieht schwarz
21. Juni 2022, 16:04 Uhr
Der BDI hat seine Konjunkturprognose um mehr als die Hälfte gesenkt. Und das ist immer noch das günstige Szenario ohne Unterbrechung der russischen Gaslieferungen. Dass die Branche so hart von der Energiekrise getroffen wurde, liegt laut Verbandschef Ruswurm an Fehlern der Vergangenheit.
Die deutsche Industrie mit Millionen Beschäftigten hat ihre Konjunkturprognose für dieses Jahr drastisch gesenkt. Das Wachstum der Wirtschaftsförderung in Deutschland wird voraussichtlich nur noch bei etwa 1,5 Prozent liegen – es sei denn, es kommt zu einem Stillstand der Gasversorgung und einer tiefen Wirtschaftskrise. Das gab der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) anlässlich seines „Tags der Industrie“ bekannt. Anfang des Jahres, vor Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine, rechnete die Branche noch mit einem Plus von etwa 3,5 Prozent bis 2022. Auch das Leibniz-Halle-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) senkte seine Prognose für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr zu 1, 5 Prozent. Mitte März prognostiziert das Institut ein Wachstum von 3,1 Prozent.
„Die Doppelkrise der russischen Invasion in der Ukraine und die Folgen der Covid-Pandemie stellen die Branche vor Probleme“, sagte BDI-Präsident Siegfried Ruswurm. “Aus heutiger Sicht enorme Abhängigkeiten als Preis für Kosten- und Skaleneffekte zu akzeptieren, war genauso falsch wie unser Land auf ausreichende Investitionen in die eigene Verteidigungsfähigkeit zu verzichten”, sagte Ruswurm. “Wir haben die Feuerwehr verpasst, weil wir die Brandgefahr für vernachlässigbar hielten. Jetzt brennt es.”
Deutschland ist nach wie vor abhängig von russischem Gas und anderen Rohstoffen. Russland hat die Gaslieferungen durch die Gaspipeline Nord Stream in die Ostsee eingestellt. Ruswurm sagte, der Krieg habe die “Achillesferse” Deutschlands als Industrieland offenbart: die Sicherheit der Energieversorgung, der Rohstoffe und der Basistechnologien.
Die Wirtschaft könnte im zweiten Quartal schrumpfen
Eine Erholung der Wirtschaft im Sinne einer Rückkehr auf das Niveau vor der Corona-Pandemie rechnet Russwurm frühestens zum Jahresende. Voraussetzung ist allerdings, dass weiterhin russisches Gas nach Westeuropa gelangt. „Eine Störung hätte katastrophale Folgen für die produzierende Industrie und würde unsere Wirtschaft unweigerlich in eine Rezession schicken.“ Der Auftragsbestand des Unternehmens ist rekordverdächtig hoch. Aufgrund von Lieferschwierigkeiten ist die Produktion jedoch teilweise erheblich beeinträchtigt. Ungewisse Wirtschaftsaussichten und erhöhte Unsicherheit aufgrund des Krieges bremsten auch die Unternehmensinvestitionen.
Auch für den Export passt der BDI seinen Ausblick an. Für 2022 soll es nun um 2,5 Prozent wachsen, für Januar prognostiziert der Verband ein Plus von 4,5 Prozent.
Zudem nennt das IWH anhaltende Lieferengpässe und eine hohe Inflation – beides wirkt sich negativ auf die Konjunktur aus. Für das zweite Quartal rechnet das Institut mit einem leichten Rückgang des BIP. Die Chancen auf eine „starke Erholung“ würden durch den Krieg und damit verbundene Preissteigerungen und unterbrochene Lieferketten „deutlich verringert“, so das Institut. Auch die Exporte dürften in diesem Jahr “schwächeln”. Für Ostdeutschland rechnet das Institut in diesem Jahr mit einem Wachstum von nur einem Prozent.
Lösen der „Bremsen“ erneuerbarer Energiequellen
Ruswurm begrüßte die Pläne von Wirtschaftsminister Habek, den Gasverbrauch in der Industrie zu senken. Stattdessen muss mehr Kohle in Strom umgewandelt werden. Gas als „Brücke“ wird benötigt, aber diese Brücke wird teurer. Die Hoffnung ist, dass es kürzer wird. Erneuerbare Energien müssen schneller ausgebaut werden und dafür müssen die Bremsen gelöst werden. Der Präsident des BDI sprach sich gegen mögliche gesetzliche Verpflichtungen privater Haushalte zur Reduzierung des Gasverbrauchs aus. Er sagte, er glaube, dass die vorgeschlagenen Prämien für Verbraucher sinnvoll seien, um Benzin zu sparen.
Angesichts der Forderungen der Union etwa, die drei verbleibenden Atomkraftwerke in Deutschland länger als Ende des Jahres zu betreiben, war Russwurm skeptisch. Die Betreiber selbst würden dies bestreiten. Andererseits ist es schwierig, von anderen Ländern eine Erhöhung der Gasförderung zu verlangen, dies aber in Deutschland auszuschließen. Das ist ein schwieriges Argument. Die Initiative kam von der FDP, um ein Verbot der Erdgasförderung in Deutschland durch sogenanntes Fracking zu testen. Dabei wird mit Druck und Chemikalien Gas oder Öl aus Gesteinsschichten gefördert, was Risiken für die Umwelt birgt.
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