Zu Beginn der Pandemie gab es zahlreiche Studien, die zeigten, dass die Blutgruppe eine entscheidende Rolle für das Infektionsrisiko und den Krankheitsverlauf bei Covid-19 spielte. Nun gibt es eine neue Studie aus Frankreich, die wie viele andere Studien zu dem Schluss kommt, dass Menschen mit der Blutgruppe 0 viel seltener mit dem Coronavirus infiziert sind. Gleichzeitig können Menschen mit der Blutgruppe 0 laut der neuen Studie das Virus besonders gut auf andere übertragen und sind daher sogenannte „Superverteiler“.
Die Ergebnisse der Studie aus Frankreich, die in der Fachzeitschrift Frontiers in Microbiology erschienen sind, erscheinen auch Andre Franke, Wissenschaftler an der Universität Kiel, plausibel. Bereits im Juni 2020 veröffentlichte er eine breit akzeptierte Studie zum Zusammenhang zwischen Blutgruppen und Coronavirus-Infektionen. Jacques Le Pendu, Leiter der bereits veröffentlichten Arbeit, warnte jedoch im Interview mit BR: Die Blutgruppe allein schützt nicht vor einer Kroneninfektion und schon gar nicht vor einer mit der Omicron-Variante.
Entscheidend bei der Übertragung – Blutgruppenkompatibilität
Für ihre Studie befragte das Team unter der Leitung von Jacques le Pendu von der Universität Nantes mehr als 300 eng verbundene Paare, von denen eines mit dem Coronavirus infiziert war. Ziel der Studie ist es, festzustellen, wie oft sich der andere Partner angesteckt hat und welche Blutgruppen die Personen haben.
Das Ergebnis: Menschen, deren Blutgruppen sich im Falle einer Transfusion nicht verstehen würden, steckten sich viel seltener bei ihrem Partner an als solche, deren Blutgruppe mit ihrem Partner „kompatibel“ war, wie Forscher die Verträglichkeit von Blutgruppen nennen miteinander. Laut Studienleiterin Le Pendu war das Infektionsrisiko „um mehr als 40 Prozent geringer“. Warum das auch bedeutet, dass Menschen mit Blutgruppe 0 das geringste Risiko haben, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, ist eigentlich ganz einfach: Blutgruppe 0 ist schließlich nur mit deiner kompatibel.
Abweichung: Warum Blutgruppen nicht verstanden werden
Der Grund, warum sich die verschiedenen Blutgruppen „nicht verstehen“, sind kleine Proteine der roten Blutkörperchen, die sogenannten Antigene. Blut der Blutgruppe A hat entsprechende Antigene A, B hat B-Antigene. Blut der Gruppe 0 hat überhaupt keine Antigene, aber es gibt Antikörper gegen A und B, die die Zellen angreifen. Wenn Menschen mit Blutgruppe 0 Blutgruppe A, B oder AB in einer Bluttransfusion verabreicht wird, gerinnt ihr Blut, was lebensbedrohlich wäre.
Warum Menschen mit Blutgruppe 0 weniger gefährdet sind
Dieser Antikörperschutz könnte nach den Erkenntnissen der Forscher um Le Pend der Grund dafür sein, dass Menschen mit der Blutgruppe 0 besonders gut vor einer Coronavirus-Infektion geschützt sind. Nämlich dann, wenn das Kronenvirus „selbst Blutgruppenantigene in seine Oberfläche einschließt“, was laut Le Pendu so sein könnte.
Daher könnten Menschen mit Blutgruppe 0 – dank ihrer Antikörper gegen A und B – besonders gut mit Coronaviren kämpfen – zumindest, wenn sie von Menschen mit unterschiedlichen Blutgruppen stammen. Laut Statistik des Deutschen Roten Kreuzes haben etwas mehr als 40 Prozent der Bevölkerung in Deutschland die Blutgruppe 0.
Blutgruppe 0: Geringes Infektionsrisiko, aber Superprävalenz
Dennoch hat die Blutgruppe 0 laut französischen Forschern in ihrer Studie einen Makel in der Corona-Pandemie. Da Blut der Blutgruppe 0 keine Antigene auf der Oberfläche der Blutzellen hat, können Menschen mit der Blutgruppe 0 besonders häufig zu Superverteilern werden. Das Virus, das sie übertragen, hat keine passenden Antigene. Trotz vorhandener Antikörper kann es sich ungehindert vermehren und Krankheiten verursachen.
Davon ist auch Andre Franke, Mikrobiologe an der Universität Kiel, überzeugt. „Diese Viren fliegen unter dem Radar, das heißt, wenn diese Viren auf eine Person treffen, die Antikörper gegen A und B hat, können auch diese Viren nicht erkannt werden“, sagte er im Interview mit dem BR.
Die Kroneninfektion hängt von den Genen, dem Immunsystem und dem Impfstatus ab
Experten sagen jedoch, dass nicht nur die Blutgruppe das Risiko bestimmt, an SARS-CoV-2 zu erkranken. Auch die Gene, das Immunsystem und nicht zuletzt der Impfstatus spielen eine Rolle. Beispielsweise ist die genetische Information über einen Rezeptor in den Zellen mancher Menschen leicht verändert, was das Eindringen von Kronenviren erschwert. Für das Immunsystem gilt: Wer solche Viren schon einmal bekämpfen musste, ist besser vor einer Ansteckung geschützt.
Und auch der Impfstatus ist entscheidend, sagt der deutsche Forscher Andre Franke. Wie der Franzose fand er in seinen Studien ein geringeres Ansteckungsrisiko bei Menschen mit Blutgruppe 0. Allerdings lagen die Werte „bei 20 Prozent relativem Schutz“ und nicht über 40 Prozent, wie die Analyse der Daten der Franzosen zeigt. Und das zeige, so Franke, „wie wichtig eine Impfung ist, um diesen relativen Schutz einfach deutlich zu erhöhen.“
Auch der französische Wissenschaftler Le Pendu warnt davor, sich bei einer Coronavirus-Infektion auf den Blutgruppenschutz zu verlassen: „Ich habe selbst Blutgruppe 0 und habe trotzdem Omicron genommen. Man muss also unabhängig von der Blutgruppe die gleichen Vorsichtsmaßnahmen treffen.“ Er weist auch darauf hin, dass seine und andere Studien nur den Schutz gegen Delta und ältere Varianten untersucht haben, nicht aber gegen Omicron.
Nach derzeitigem Kenntnisstand ist es relativ wahrscheinlich, dass auch Menschen mit Blutgruppe 0 etwas besser vor omicron oder zukünftigen Varianten geschützt sein werden. Wissenschaftlich bewiesen ist dies aber noch nicht.
Add Comment