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Bill in Spanien: Keine Arbeit bei Regelschmerzen

Stand: 17.05.2022 16:28 Uhr

Wenn sie unter starken Menstruationsschmerzen leiden, sollen Frauen in Spanien künftig entlassen werden können.

Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Künftig sollen Frauen in Spanien nicht arbeiten, wenn sie unter besonders starken Regelschmerzen leiden. Spanien wird ein Vorreiter in Europa sein.

HR Logo Reinhard Spiegelhauer ARD Studio Madrid

Der Gesetzentwurf, der heute offiziell vorgestellt und vom Kabinett gebilligt wurde, wird seit einigen Tagen diskutiert. Ironischerweise scheinen zwei hochrangige Politiker der Minderheitsregierung unterschiedliche Ansichten zu den Plänen zu haben. Der Sound reichte stellenweise von entschlossen bis schroff.

“Regel, die Frauen stigmatisiert”

Tatsächlich gilt Wirtschaftsministerin Nadia Calvinho als überzeugte Verfechterin der Frauenrechte. Sie hat sich kürzlich sogar geweigert, sich gemeinsam fotografieren zu lassen, weil sie bei einer Podiumsdiskussion die einzige Frau in einer Männerrunde war. Doch dann sagte Calvinho zum Thema “Wochenende mit starken Regelschmerzen”: “Diese Regierung wird niemals Regeln erlassen, die Frauen verurteilen.”

„Die Arbeitswelt ist nicht durchschnittlich“

Nach dieser Rede in den Medien und der Gesellschaft gab es ein Raunen. Ton: Der Wirtschaftsminister spricht vom Stigma der Menstruation und will nicht, dass Frauen deswegen einfach telefonieren können.

Für Arbeitsministerin Yolanda Diaz von Unidas Podemos, einem Junior-Koalitionspartner, ist es absurd. Sie sagte, die Situation sei genau umgekehrt: “Das Stigma ist, wenn man nicht versteht, dass Frauen und Männer unterschiedlich sind und dass die Arbeitswelt nicht durchschnittlich ist.”

Gleichberechtigung als zentrales Thema

Ausgerechnet in Sachen Gleichberechtigung kracht es in der Koalition. Und das, obwohl Gleichberechtigung für beide Regierungsparteien ein zentrales Thema ist.

Oder vielleicht gerade deswegen? Das glaubt May Marino von der Nachrichtenagentur Servimedia in einer Podiumsdiskussion im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. „Für einige der ‚alten‘ Sozialisten in der Regierung klingt ‚Menstruationsurlaub‘ wie eine Rückkehr dazu, die Regel als Fehler zu sehen, also sprechen sie von Stigmatisierung.“

Zwischen Gesundheit und Chancen

Der Sozialplan kam ursprünglich vom Ministerium für Gleichstellung unter der Leitung von Irene Montero von Unidas-Podemos. Die Sozialisten kamen nicht nur mit den lakonischen Worten der Wirtschaftsministerin Nadia Calvinho, sondern auch mit den Warnungen des Sozialministers Jose Luis Escriva. Es gehe darum, ein Gleichgewicht zwischen gesundheitlichen Bedürfnissen und Beschäftigungsmöglichkeiten zu finden, sagte sie.

Denn um diese Frage ging es eigentlich bei dem Stigma: Werden Arbeitgeber weniger bereit sein, Frauen einzustellen, wenn sie nicht für drei oder gar fünf Tage im Monat zur Verfügung stehen? Arbeitgeberverbände und einige Gewerkschaften lehnen bisher eine Stellungnahme ab. Der Gesetzentwurf sei noch nicht im Detail bekannt, heißt es.

der Staat muss zahlen

In der Regierung scheint die Kuh jedoch aus dem Eis zu sein: Es wurde vereinbart, dass die Sozialversicherung die Kosten für den Verlust des Arbeitsplatzes übernimmt. Ein wichtiger Schritt für Gleichstellungsministerin Irene Montero – nicht nur für die betroffenen Frauen. Die Verordnung ist ein Schritt gegen Ungerechtigkeit in der Gesellschaft.

Dass dies gut für die Wirtschaft sei, belegen zahlreiche Studien, so der Minister von Radio Cadena Ser: „Wir sind Vorreiter in Europa und darauf bin ich stolz, auch weil wir zeigen, dass der Staat vorankommt und das Leben für Frauen einfacher ist als heute.”

Nicht für alle Frauen

Allerdings soll die Vorschrift nur bei starken Schmerzen gelten. Betroffene sollten einen Arzt aufsuchen.

Wie viele Frauen „Urlaub“ nehmen könnten, darüber gehen die Schätzungen auseinander: Laut der Ministerin für Chancengleichheit leiden bis zu einem Viertel aller Frauen unter so starken Schmerzen, dass sie einen Urlaub beantragen können, laut Gesundheitsministerium etwa jede Zehnte Frauen sind betroffen.

Abtreibung ist auch ein Problem

Vor dem Hintergrund der Stigmadebatte geriet fast in Vergessenheit, dass das geplante Gesetzespaket auch den Schwangerschaftsabbruch regeln sollte. Demnach sollen Jugendliche ab 16 Jahren das Recht haben, künftig ohne Zustimmung der Eltern erneut abzutreiben.

Eine sozialistische Regierung hatte diese bereits 2010 eingeführt, die Konservativen hoben die Regelung jedoch 2015 auf. Jetzt ist die liberale Regelung gegen gewalttätige Proteste von Konservativen und der Kirche zurück.

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Reinhard Spiegelhauer, ARD Madrid, 17.05.2022 09:16 Uhr