Von Hildburg Bruns und Mary-Lou Kunzel
Der Neubau der Rudolf-Wissel-Brücke verbannt Gärtner aus ihrem Paradies unter der A 100.
Weniger Staus und Lärm, mehr Sicherheit. Aber SIE sind die Verlierer des Neubaus der Rudolf-Wiesel-Brücke: 83 Gärtner, von denen 62 aus den Kolonien Schlakeloch, Bleibtroy II und Schlousenland für immer vertrieben werden.
Die längste Autobahnbrücke Berlins (933 Meter) ist über 60 Jahre alt. Auf der A 100 über Spree, Spreeaue und Charlottenburger Schleuse. In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war sie für 20.000 Fahrzeuge ausgelegt, heute muss sie 180.000 pro Tag bedienen.
Die Schlackenkolonie ist am stärksten betroffen. 45 der 53 Grundstücke müssen weichen, auch weil die Brücke später noch gewartet werden muss Foto: Stephanie Herbst
„Das erklärt, warum diese Brücke kniet“, sagt Andreas Irngartinger vom DEGES-Auftraggeber. Dies ist die Nummer 3 der meistbefahrenen Autobahnabschnitte in Deutschland.
Im Spätherbst beginnt das sogenannte Planfeststellungsverfahren, in dem sich das Projekt auch an die Berliner in den Bezirken richtet. Ende 2024 sollen die Vorbereitungsarbeiten beginnen: Leitungen verlegen, Grundstücke planieren, Baustelle räumen.
► Die neue Rudolf-Wissel-Brücke erhält keine zusätzlichen Fahrspuren, dafür aber längere Ein- und Ausfahrtspuren und erstmals einen Pannenstreifen. Und es wird zweigeteilt – mit einem 60 Meter breiten Abstand zwischen den Richtungen. Das soll es erleichtern, ihn ins Charlottenburger Kreuz zu bekommen.
Rentner Rudy Schenk (73) hat auf seinen 400 Quadratmetern Birnen und Pflaumen, Zwiebeln, Karotten, Kräuter und Rosen. Seine Mutter arbeitete hier 30 Jahre vor ihm. Von der Kolonie Bleibtreu II mit 18 Parzellen müssen 14 endgültig weg: „Ich werde die Gemeinschaft vermissen“ Foto: Stephanie Herbst
► Auch der Neubau erfolgt in zwei Etappen: Ab 2025 wird die östliche Brückenlinie neben der jetzigen Brücke (17,50 m breit) gebaut – das bedeutet, dass der Verkehr nicht behindert wird. Nach Fertigstellung wird die neue Linie den gesamten Verkehr übernehmen, so dass die alte Brücke in eine zweite Linie umgewandelt werden kann. Ab 2029 soll es noch drei Fahrspuren geben, allerdings werden die Fahrspuren schmaler. Das bedeutet Verspätung!
► Am Ende wird es für die Anwohner viel ruhiger, weil Lärmschutzwände mit einer Höhe von 4 und 6,50 Metern errichtet werden. Das bedeutet etwa eine Halbierung des Lärms. Um Wände nicht so massiv wirken zu lassen, sind sie teilweise durchsichtig.
Svetlana (60) und Yaroslav (61) sind den Tränen nahe: „Es tut weh. Wir haben viel Arbeit hineingesteckt.” Einige der Nachbarparzellen in der Shlakkeloh-Kolonie sind bereits verlassen. „Die Leute sehen den Sinn nicht mehr.“ Foto: Stephanie Herbst
► Die DEGES plant eine Bauzeit von sechs Jahren – mindestens bis 2031. Vor der Krise in der Ukraine war von Baukosten von 270 Millionen Euro die Rede. Dabei wird es sicher nicht bleiben. „Zum Teil nennen uns Lieferanten nur Tagespreise“, sagte ein DEGES-Sprecher.
Ob und wo verdrängten Gärtnern Ersatzflächen angeboten werden, ist nicht Sache des Auftraggebers, sondern des Landes Berlin.
Über die Höhe der Entschädigung kann nur bei Vorliegen einer Baugenehmigung verhandelt werden – damals war von 8.000 Euro pro Grundstück die Rede.
Seit 46 Jahren besitzen Heidi und Peter Munzberg (beide 70) ihr Grundstück in der Shlakeloh-Kolonie. „Er war für uns immer eine Quelle der Jugend. Aber unsere Kinder haben sich schon ein Haus mit Garten gekauft, weil es hier so gefährlich ist.“ Foto: Stephanie Herbst
Hier finden Sie Informationen zum Neubau einer Brücke
► Bürgertelefon: Montag bis Sonntag zwischen 8:00 und 20:00 Uhr kostenlos unter ☎ 0800 5895 2479.
► Anfragen: über das Kontaktformular www.deges.de/a100-rwb/dialog.
► Website: www.deges.de/a100-rwb informiert über den Stand des Projekts.
► Anwohner und Stakeholder werden anlassbezogen über aktuelle Entwicklungen informiert.
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