Aktualisiert am 21. Mai 2022 um 14:06 Uhr
- Tausende Schiffe tummeln sich im weltgrößten Containerhafen in Shanghai.
- Da sich die Metropole seit Wochen in Mega-Isolation befindet, wurde die Produktion teilweise lahmgelegt und internationale Lieferketten unterbrochen oder erheblich verzögert.
- Steckt dahinter eine Taktik? Experten haben eine klare Antwort.
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Ist die Sperrung des Corona in China Teil des globalen Lieferkettenkrieges? Diese Aussage wird derzeit zumindest auf Twitter gepflegt. „Schiffe warten wegen Chinas verrückter Strategie für COVID darauf, anzudocken. Das ist Absicht“, schrieb beispielsweise der amerikanische Unternehmer Aaron Gin und veröffentlichte eine Karte, die die Staus von Tausenden von Schiffen vor der Küste des Landes zeigt.
Tatsächlich sagte der chinesische Präsident Xi Jinping im Januar 2021: „Wir müssen die Abhängigkeit der internationalen Lieferkette von China erhöhen und eine starke Reaktion und Bedrohungskapazität gegen ausländische Streitkräfte aufbauen, die versuchen, die Lieferungen zu reduzieren.“
Mega-Blockade in Shanghai
In Deutschland macht das aufmerksam, denn China ist Deutschlands Lieferant Nummer eins und einer seiner stärksten Handelspartner. Mehr als die Hälfte aller EU-Exporte nach China kommen 2019 aus Deutschland.
Aufgrund der Blockade in Shanghai befürchtet auch die deutsche Wirtschaft Lieferengpässe. 70 Prozent der in China tätigen deutschen Unternehmen haben ihren Sitz in und um Shanghai. Eigentlich wollten sie eine Blockade in der Hafenstadt vermeiden. Doch nun sah die Führung keinen anderen Weg, den nationalen Hotspot zu kontrollieren, als durch drakonische Maßnahmen: Produktionsstopp, Einschränkung der Logistik.
Schaden für die chinesische Wirtschaft
Ökonom Bastian Durr kann sich jedoch nicht vorstellen, dass Wirtschaftstaktik hinter ihm liegen muss. „Die Sperre in Shanghai schadet Chinas Wirtschaft ernsthaft, da ausländische Facharbeiter abreisen und Investitionen gestoppt oder zurückgezogen werden“, sagte er.
Chinas Wachstum und technologischer Fortschritt hängen noch immer in vielen Bereichen vom Austausch mit dem Westen ab. „Deshalb kann ich mir schwer vorstellen, wie die Blockade in Shanghai von strategischem oder geopolitischem Nutzen für die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) sein könnte“, sagte er.
Experte: China wird „sich selbst ins Fleisch schneiden“
Auch Ökonom Vincent Stammer ist skeptisch. „Pekings größtes Ziel war es immer, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, und deshalb hat man sich ein Sieben-Prozent-Ziel gesetzt. Um das zu erreichen, ist China auf Exporte angewiesen“, sagte Stammer.
Sollte sich China nun als unzuverlässiger Partner erweisen, werden westliche Unternehmen das Risiko einer Fertigung in China neu bewerten. „Also wird sich China ins Bein schneiden“, sagte er.
Verlagerung der Produktion?
Experte Dur sieht das so: “Die wahrscheinlichen Auswirkungen der Blockade in Shanghai sind gegen das Ziel von Xi Jinping”, sagte er. Der Fall in Shanghai dürfte den Trend zum sogenannten Reshoring, Nearshoring oder Friendhoring verstärken.
Gleichzeitig werden die Produktionsstätten zurück ins eigene Land, in Nachbarländer oder in befreundete Länder verlagert. „China wird in diesem Fall an Bedeutung in internationalen Lieferketten verlieren und damit künftig weniger Einfluss auf politischen Druck ausüben können“, sagte Durr.
Eine Kehrtwende ist kaum möglich
Gleichzeitig sei es ein Fehler, chinesische Importe als süchtig zu interpretieren, warnt Stammer. Er glaubt jedenfalls nicht, dass China seine beiden Ziele erreichen kann: „China will unabhängiger werden, den eigenen Binnenmarkt stärken und gleichzeitig den Westen stärker von sich abhängig machen. Aber beides gleichzeitig geht nicht“, sagte Stommer.
Statt wirtschaftlicher Motive sehen Experten politische Motive hinter der festen Blockade. „Die KPCh und Xi Jinping haben die propagierte Überlegenheit des chinesischen Systems persönlich mit der Null-COVID-Strategie in Verbindung gebracht, die zunächst im Jahr 2020 in Kraft treten wird, der sogenannten ‚dynamischen Null-Covid‘-Strategie“, sagte Durr.
Angst vor einem überlasteten Gesundheitssektor
Von dieser Strategie abzuweichen, käme der Einsicht gleich, dass diese Strategie bzw. das autoritäre chinesische System zumindest bei der Bekämpfung der Pandemie nicht besser ist. „So hat Shanghai wenig Spielraum, um von der allgemeinen Annäherungslinie Pekings abzuweichen“, sagte er.
Aufgrund der niedrigen Impfrate und der gefährdeten Bevölkerungsgruppen in China gibt es ernsthafte Bedenken, dass eine unkontrollierte Epidemie der Krone das Gesundheitssystem überwältigen könnte. “Es ist schwer für Peking, sich daran zu wenden, weil es immer seine Überlegenheit betont hat”, stimmt Ökonom Max Zenglein zu.
Abhängigkeit reduzieren
Er hält die Debatte um Abhängigkeiten in globalen Lieferketten für notwendig. „Die Krone hat gezeigt, wie riskant globale Lieferketten sind“, sagte er. Sie werden sich jedoch nicht von China verabschieden.
„Es ist kein Schwarz-Weiß-Bild, aber man muss diversifizieren und sich breiter aufstellen“, sagte er. Es ist ein langer Prozess. „Allerdings sind die Krone und ihre Debatte nur ein Nebeneffekt, echte Musik, die in geopolitischen Rivalitäten spielt“, warnt Zenglein.
Apropos Experten:
Bastian Durr ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Staatswissenschaft: Politik und Wirtschaft in China an der Universität Trier. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Chinapolitik der Europäischen Union mit Fokus auf wirtschaftlicher Verflechtung, ein Vergleich chinesischer und europäischer Außenhandelspolitik sowie die Neue Seidenstraße in Mittel- und Westeuropa.
Vincent Stammer ist Experte für Handelspolitik am Kieler Institut für Weltwirtschaft (ifw). Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der Brown University in den USA und an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
Max Zenglein ist Chefökonom am Mercator Institute for China Studies (MERCIS). Seine Forschungsschwerpunkte sind Chinas makroökonomische Entwicklung, Handelsbeziehungen und Industriepolitik. Außerdem befasst er sich mit dem chinesischen Wirtschaftssystem und der wirtschaftlichen Situation in Hongkong, Macao und Taiwan.
Verwendete Quellen:
- Twitter-Account von Aaron Ginn
- Nikkei Asia: „Die Kommunistische Partei Chinas wird isoliert ihr 100-jähriges Bestehen feiern“
- Konrad-Adenauer-Stiftung: Die europäisch-chinesische Chimäre
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