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Katastrophe nach Katastrophe

Guten Morgen, lieber Leser,

Gestern fuhr der 29-Jährige mit einem Renault Clio 200 Meter über dem Bürgersteig in Berlin-Charlottenburg. Er verletzte mehrere Menschen, darunter Studenten, und tötete eine Frau. Sechs Personen befinden sich weiterhin in Lebensgefahr.

Die Situation ist noch unklar, aber es handelt sich wahrscheinlich nicht um einen Unfall, sondern um eine vorsätzliche Handlung. Die Ermittler und die Berliner Innensenatorin Iris Spranger sind auf dem Vormarsch. Bundeskanzler Olaf Scholz spricht über amoktat.

Das Auto als Waffe: Polizei transportierte das Mordauto ab. (Quelle: Michele Tantussi / Reuters-Bilder)

Die meisten Fragen sind noch unklar, Spekulationen sind ausgeschlossen. Aber eines ist sicher: Der angebliche Amoklauf weckt nicht nur bittere Erinnerungen, sondern wirkt sich auch auf ein nationales Trauma aus. Nur wenige Meter vom Tatort entfernt dirigierte der Terrorist Anis Amri 2016 einen Trailer zum Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Dreizehn Menschen wurden getötet und mehr als 60 verletzt.

(Quelle: A. Brühl / dpa)

Seitdem hat sich der Ort verändert. Ein goldener Riss erstreckt sich nun über den Platz. Das Denkmal aus Metall versucht einzufangen, was nicht eingefangen werden kann: den Verlust von Menschenleben, den Schmerz geliebter Menschen, das verlorene Sicherheitsgefühl der Nation.

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Einbettung

Mindestens ebenso symbolträchtig sind die markanten Pfeiler und Absperrungen, die heute den Breitscheidplatz umgeben. Sie müssen in der Lage sein, Fahrzeuge neben schweren Lastwagen anzuhalten. Mehr als zwei Millionen Euro hat der Berliner Senat dafür investiert, wobei eines klar ist: Wer an diesem symbolträchtigen Ort Böses plant, wird den Platz erreichen – oder nur wenige Meter treffen. Die Stühle sind ein Zeichen der Hilflosigkeit der Behörden angesichts der Brutalität von Einzelpersonen und Gruppen, die auf Massentötungen abzielen.

Poller am Breitscheidplatz: Der mutmaßliche Amoklauf ereignete sich nur wenige Schritte entfernt. (Quelle: imagebroker / Weber / imago-images-bilder)

Das Problem: Solche Aktionen können, wenn überhaupt, nur durch die Arbeit von Polizei und Geheimdiensten gestoppt werden, zum Beispiel durch eine genaue Überwachung der Gefährdeten. Sind die Täter der Polizei im Vorfeld nicht bekannt, haben Ermittler kaum eine Chance, präventiv einzugreifen.

2016 scheiterten die Behörden jedoch zweimal. Der Angriff konnte nicht vereitelt werden. Und dann half der Staat den Verwundeten und Hinterbliebenen nicht. Opferverbände sprechen von einer “Katastrophe”.

Der Lastwagen nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin 2016: Der Islamist Amri tötete 2016 mit dem Fahrzeug zwölf Menschen, bevor er den Fahrer des Lastwagens erschoss. (Archivfoto) (Quelle: Stefan Zeitz / imago-images-bilder)

„Es waren so viele Fehler, dass wir fassungslos waren“, sagte mir Bianca Beaver vom Hilfswerk Weißer Ring gestern am Telefon. Der Weiße Ring begleitet seit Jahren 80 Opfer und Angehörige des Bombenanschlags auf den Breitscheidplatz. Er gab ihr psychologischen und rechtlichen Rat, füllte Anträge auf Entschädigung aus und teilte sein Leid und seine Wut. Und Ärger und Leid waren im Überfluss vorhanden.

Es ist unfassbar, was viele Angehörige durchmachen mussten: Vier Tage lang suchten die Eltern in Berlin nach ihrem Kind – weil sie von den Behörden keine Auskunft erhielten. Andere erhielten später mit der Post kommentarlos blutbefleckte Habseligkeiten ihrer toten Angehörigen, die nicht mehr als Beweismittel benötigt wurden. Forensische Rechnungen fluteten in die Wohnungen von Angehörigen – und hier: kein Kommentar, keine weitere Unterstützung.

„Es war katastrophal“, sagte Beaver. “Die Behörden haben sehr unvoreingenommen und völlig formell gehandelt. Das darf sich auf keinen Fall wiederholen.”

Stilles Gedenken an die Opfer des Terroranschlags 2016 (Archivbild): Angehörige sind zu oft mit Bürokratie und Kälte konfrontiert. (Quelle: Future Image / imago-images-Bilder)

Allerdings scheint das Bewusstsein der Behörden gestiegen zu sein – nicht zuletzt durch die Hartnäckigkeit von Organisationen wie dem Weißen Ring. Biwer formuliert hier vorsichtig, sie wolle nicht zu früh loben. Aber sie hat das Gefühl, dass „sich alle einig sind, dass so etwas nicht noch einmal passieren darf“.

Es gibt noch einige Großbaustellen. Das Opferentschädigungsgesetz wurde reformiert, die verbesserte Fassung soll aber erst 2024 in Kraft treten. Nur noch 14 der 16 Bundesländer haben eine Opfervertretung. Das verfluchte Berlin ist hier so oft vorbildlich. Schon vor Amris Angriff gab es einen Verantwortlichen, der als Ansprechpartner für Opfer von Gewalttaten aller Art fungierte und sie zum Beispiel im Umgang mit den Behörden unterstützte. Brandenburg und das Saarland arbeiten noch an der Einrichtung eines solchen Gremiums. Auf Bundesebene ist seit Januar Pascal Kober (FDP) ein Opfervertreter, der Experten zufolge tief in das Thema involviert ist – aber nur für Terroranschläge verantwortlich ist.

Pascal Kober (FDP): Vor seinem Einzug in den Bundestag war er Militärpfarrer in der Bundeswehr. (Quelle: Christian Ditsch / imago-images-bilder)

Auch die Öffentlichkeit ist gefragt, um solche Schwachstellen und Versäumnisse schnell zu beseitigen und weitere Verletzungen der bereits Schwerverletzten zu verhindern. Die Medien sollen berichten – nicht nur in lauten, klackernden Schlagzeilen diese Woche, sondern auch über das Schicksal und die behördliche Brutalität in einem Jahr. Wir alle müssen zuhören, beobachten und verstehen: Das können wir sein.

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