Volkswirtschaftslehre „Skaleneffekte“
Die Bundesnetzagentur warnt vor dem Ausfall hunderttausender Gaskessel
Stand: 12:10 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Netzagentur warnt vor Ausfall Hunderttausender Gasthermen in Deutschland
Neben Habek warnt nun auch der Chef der Bundesnetzagentur davor, dass Russland den Gashahn komplett zudreht. Jürgen Hardt, Sprecher der Außenpolitischen Gruppe der Union, hält dies für “spekulativ” und hätte stattdessen gerne Vorschläge, wie wir in den kommenden Wochen und Monaten Sprit sparen können.
Der Präsident der Bundesnetzagentur warnt vor einem Szenario, in dem der Gasfluss in Deutschland ungleich verteilt wird: Dann könnten hunderttausende Gasthermen ausfallen – und Spezialisten müssten sie „von Hand“ reaktivieren.
Nach Ansicht des Präsidenten der Bundesnetzagentur hätte die ungleichmäßige Gasversorgung in Deutschland tiefgreifende Folgen. „Sobald der Druck im Gasnetz einer Region unter ein bestimmtes Minimum sinkt, springt plötzlich die Sicherung in hunderttausenden Gasthermen an“, sagte Klaus Müller den Zeitungen der Funke Mediengruppe.
„Wenn es in der Region wieder Gas gibt, muss es manuell von geschulten Fachkräften reaktiviert werden.“ Ein solches Szenario könne sich niemand wünschen, „denn es wird lange dauern, bis die Gasversorgung wiederhergestellt ist. Es wird also immer das Ziel der Bundesnetzagentur sein, gegebenenfalls eine Reduzierung des Industrieverbrauchs anzuordnen, damit dieses Szenario nicht eintritt.
Laut Müller sind die Gasströme in Deutschland bisher mehr oder weniger gleichmäßig verteilt. „Das könnte sich ändern, wenn wir nur noch Gas aus Norwegen, den Niederlanden oder Belgien bekommen“, sagt Müller. Daher werden die Stauseen bereits befüllt, damit auch der Süden ausreichend versorgt werden kann. „Beispielsweise fokussieren wir uns aktuell nicht nur auf Deutschlands größten Speicher im niedersächsischen Reden, sondern auch auf den Speicher im bayerischen Wolfersberg.“
Die Menschen sollen Energie sparen, sagt Müller
Müller hat bereits gesagt, dass er einen kompletten Ausfall der russischen Gasversorgung befürchtet – er rief die Bevölkerung zum Energiesparen auf. Die Frage sei, ob die bevorstehende regelmäßige Wartung der Gaspipeline Nord Stream 1 „in eine längerfristige politische Wartung umgesetzt wird“, sagte Müller. Wenn der Gasfluss aus Russland “eine Motivation hat, längerfristig reduziert zu werden, sollten wir ernsthafter über Einsparungen sprechen”. Die zwölf Wochen vor Beginn der Heizperiode sollten zur Vorbereitung genutzt werden, sagte er.
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Auch Wirtschaftsminister Robert Habeck machte am Donnerstag deutlich, dass er einen völligen Mangel an russischen Gaslieferungen von Nord Stream befürchtet. Ab dem 11. Juli drohe eine “totale Blockade von Nord Stream 1”, sagte der Grünen-Politiker. Deshalb kann es im Winter wirklich problematisch werden. Die Gasversorgung im Sommer ist gewährleistet. Am 11. Juli beginnt Nord Stream mit der jährlichen Wartung, die normalerweise zehn Tage dauert. Danach fließt kein Gas mehr auf Nord Stream 1. Die große Sorge ist, dass Russland den Gashahn nach der Reparatur nicht wieder öffnet.
Die norwegische Regierung rechnet derweil damit, bis spätestens 2024 noch mehr Gas liefern zu können, denn noch nie haben die Unternehmen des Landes so viel Erdgas vom norwegischen Festlandsockel exportiert wie heute. „Wir unterstützen unsere europäischen Freunde dabei, möglichst schnell unabhängig von russischem Öl und Gas agieren zu können.
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Nach Angaben des Präsidenten der Bundesnetzagentur werden bei einem Ausfall der russischen Gasversorgung private Haushalte sowie Krankenhäuser und Pflegeheime besonders geschützt. „Ich kann versprechen, dass wir alles tun werden, damit den privaten Haushalten nicht das Gas ausgeht“, sagte Müller. „Wir haben aus der Corona-Krise gelernt, dass wir keine Versprechungen machen sollten, wenn wir nicht absolut sicher sind, dass wir sie halten können.“
Privathaushalte sollen weniger zahlen
Wenn Industriebetriebe von der Gasversorgung getrennt werden sollen, „betrachten wir den betrieblichen Schaden, den volkswirtschaftlichen Schaden, die sozialen Folgen, aber auch die technischen Voraussetzungen für den Betrieb des Gasnetzes“, sagte Müller.
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Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) schließt allerdings eine Begrenzung der Warmwasserbereitung für Privathaushalte bei einem Gasnotstand in der Hansestadt nicht aus. „Bei akutem Gasmangel kann warmes Wasser im Notfall nur zu bestimmten Tageszeiten zur Verfügung stehen“, sagte Kerstan gegenüber WELT AM SONNTAG. Auch eine generelle Absenkung der maximalen Raumtemperatur im Fernwärmenetz kann in Erwägung gezogen werden. Schon aus technischen Gründen sei es nicht möglich, bei Gasknappheit überall in Hamburg zwischen Gewerbe- und Privatkunden zu unterscheiden, sagte er der Zeitung.
Müller forderte alle Haus- und Wohnungsbesitzer auf, ihre Gas-Brennwertgeräte und Heizkörper schnell und effizient zu prüfen und einzustellen. „Wartung kann den Gasverbrauch um 10 bis 15 Prozent senken“, sagte er.
Müller warnte vor einem drastischen Anstieg der Gaspreise. „Viele Verbraucher werden schockiert sein, wenn sie ein Schreiben ihres Energieversorgers erhalten“, sagte er den Funke-Zeitungen.
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Mit einem neuen Mechanismus kann die Bundesregierung Gaspreisspitzen gerechter auf die Verbraucher verteilen. Ein Entwurf zur Novelle des Energiesicherheitsgesetzes sieht als weitere Möglichkeit ein Kostensystem vor. Dadurch könne die Last laut Projekt „gleichmäßiger“ auf alle Nutzer verteilt werden. Es handelt sich also insbesondere um eine gebührenfinanzierte Vergütung. Gasimporteure, die derzeit stark durch die massiven Einschränkungen der russischen Gaslieferungen belastet sind, werden dies bekommen, weil sie die Preisspitzen nicht an die Kunden weitergeben können.
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