Es scheint nicht die naheliegendste Wahl für ein Sommertheater zu sein: Vielleicht gibt es sonnigere Stücke als Anton Tschechows Die Möwe. Sonnig war allerdings nicht die Kategorie für die Eröffnungsnacht von Maria Happels neuer Regie bei den Reichenauer Festspielen. So dominiert auch in den ersten Akten ein riesiger Mond das Bühnenbild. Martin Schwab erlaubt sich gleich zu Beginn einen kleinen Hinweis auf die Zäsur: Er betritt den Saal mit einer Tüte Kirschen – er war im „Kirschgarten“, Vorsicht intertextueller Humor –, spricht über das Landleben und das neue „Weibliche“ Ökonomie” unter Happel. Nur eine kleine Flucht aus seiner Rolle als Pjotr, der Onkel des unglücklichen Schriftstellers Konstantin Gawrilowitsch. Er fährt fort, Menschen vorzustellen: So stellt man sofort fest, dass das Verhältnis zwischen ihm und seiner Schauspielerin-Mutter angespannt ist. Sie ist auch die erste, die höhnisch über sein Stück lacht, das er und seine geliebte Nina für die gelangweilte Gesellschaft in der Villa seines Onkels aufführen.
Ein totes Symbol der Freiheit
Mit schwarz verschmierten Augen für diese Performance, die ihn wie eine Kreuzung zwischen einem traurigen Panda und einem durchgeknallten Batman-Joker aussehen lässt, nimmt er nun (sein) blutiges Ende. Nina senkt den Blick – sie hat noch Hoffnungen und Träume. Vor allem angesichts des angesehenen Schriftstellers Boris, der ständig nach Worten für seinen literarischen „Schrank“ sucht und eigentlich bei Konstantins Mutter Irina ist. Als sie sich zwei Jahre später wiedersehen, verliert sie nicht nur ihr Kind mit Boris (und Boris), sondern auch ihre Träume. Nur Konstantin zu lieben kommt immer noch nicht in Frage. Er erschießt sich, ohne zu hören, dass sich die anständige Gesellschaft mal wieder über seine Kunst ärgert. Irgendwo in der Szene ist die ausgestopfte Möwe, dieses tote Symbol der Freiheit.
Emo-Teenager
Nils Artzmann spielt Konstantin mit genau der richtigen Portion Überschwang und Bitterkeit. In ihrer Rolle als Constantines wilde gemeine Mutter Irina bleibt Sandra Chervik zu nett für diese lebenszerstörende Figur. Claudius von Stolzmann ist ein beherrschter Star-Autor, Johanna Mahaffeys Darstellung der in Konstantin verliebten Mascha hat einen sehr modernen emotionalen Teenie-Look, Paula Nocker – Happels Tochter gab 2005 in Reichenau ihr Bühnendebüt – verleiht Nina einen eindringlichen Naivität. Als Arzt darf Gunther Franzmeier einmal Nick Cave singen. Herbert Schäfers Szenografie begeistert mit einfachen, aber wirkungsvollen Spiegeltricks.
Nachdem Konstantin seine Mutter und Boris als Urgesteine beschimpft – wird ihm diese Inszenierung von Torsten Fischer kaum gefallen. Doch Konstantin ist nicht das Zielpublikum in Reichenau. Beim Theaterabend fällt auf, dass in Reichenau eine behutsame Modernisierung versucht wird. Sie ist wirklich sehr aufmerksam. Wer sich im Theater in der Josefstadt gut aufgehoben fühlt, wird auch diese „Möwe“ lieben.
die Seemöve
Reichenauer Fest
bis 6.8
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