Hintergrund
Stand: 26.07.2022 15:26 Uhr
Die Ampelkoalition diskutiert über eine verlängerte Laufzeit von Atomkraftwerken. Der Begriff „Streckchirurgie“ wird immer wieder verwendet. Was bedeutet das – und was wären die Folgen?
Von Christian Schaaf, ARD-Hauptstadtstudio
Laut Atomgesetz muss Deutschland bis zum 31.12. ein Staat ohne Kernkraftwerksbetrieb sein. Die Bundesregierung prüft, ob es notwendig ist, die drei bisher Strom produzierenden Kernreaktoren im sogenannten Verlängerungsbetrieb weiterlaufen zu lassen.
Die drei Reaktoren Isar 2, Neckarwestheim und Emsland produzieren noch etwa sechs Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms.
Zeitverlängerung – ohne zusätzlichen Strom
Fehlen Kernkraftwerke, muss dieser Betrag durch Gas- oder Kohlekraftwerke oder den schnellen Ausbau erneuerbarer Energien kompensiert werden. Ist dies nicht möglich, könnten Kernreaktoren auch im Winter Strom produzieren und so zur Energieversorgung beitragen.
Damit ein „erweiterter Betrieb“ möglich ist, müssen Kernreaktoren mit dem verbleibenden Kernbrennstoff in ihren Reaktoren auskommen. Das bedeutet, dass die Stromproduktion jetzt reduziert werden muss, damit der Brennstoff länger hält. Nach Angaben des für den Betrieb von Kernkraftwerken zuständigen Umweltministeriums wird der „erweiterte Betrieb“ zu einer längeren Laufzeit der Kernstromproduktion führen – nicht aber zu zusätzlichen Strommengen.
Wer übernimmt die Verantwortung?
Dem Weiterbetrieb der Reaktoren stehen jedoch große Hindernisse entgegen. Einerseits ist die gesamtheitliche Sicherheitsüberprüfung der Systeme überfällig: Typischerweise werden sie alle zehn Jahre einer umfassenden Sicherheitsüberprüfung unterzogen, was viele Monate dauern kann. Die letzten Inspektionen der drei noch in Betrieb befindlichen Anlagen liegen jedoch 13 Jahre zurück.
Angesichts des Abschalttermins 2022 wurde die eigentlich 2019 fällige Sicherheitsprüfung nicht mehr durchgeführt. Ob die Frist für eine erneute sog. Periodische Sicherheitsüberprüfung erneut verlängert werden kann, ist mehr als fraglich.
Zudem wollen die Betreibergesellschaften der Kernkraftwerke ab dem 1. Januar keine Verantwortung für Unfälle übernehmen. Ob der Bund diese Verantwortung künftig übernehmen wird, ist noch offen.
Stichwort: Recken für Kernkraftwerke
Christian Schaaf, ARD Berlin, 26. Juli 2022 um 8:45 Uhr.
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