Stand: 21.01.2023 12:26 Uhr
Deutsche Rüstungskonzerne wie Rheinmetall profitieren nicht nur finanziell vom Krieg in der Ukraine. Sie forcieren einen Imagewandel hin zu „Krisenhelfern“. Doch die Politik der Bundesregierung führt auch zu Problemen.
Rheinmetall will nicht als „Kriegsgewinn“ gesehen werden. Vielmehr seien sie “Krisenhelfer”, betont Geschäftsführer Armin Paperger gerne in Interviews. Ein Blick auf den Aktienkurs des Düsseldorfer Rüstungskonzerns deutet jedoch darauf hin, dass Rheinmetall deutlich vom Krieg in der Ukraine profitiert hat.
Börsenboom, Hunderte neuer Jobs
Mit Beginn des Krieges im vergangenen Februar stieg die Rate sprunghaft an. Der Marktwert ist jetzt mehr als doppelt so hoch wie vor einem Jahr. Rheinmetall könnte bald sogar im DAX gelistet sein, einem der 40 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands. Möglich wird dies, da der Industriegasekonzern Linde die Frankfurter Wertpapierbörse verlässt und künftig nur noch in den USA notiert.
Rheinmetall hat nach eigenen Angaben seit Kriegsbeginn 1.200 neue Mitarbeiter eingestellt. Das Unternehmen beschäftigt weltweit rund 30.000 Mitarbeiter, davon rund die Hälfte in Deutschland. Auch in anderen Bereichen expandiert der Rüstungskonzern, der unter anderem Militärfahrzeuge, Munition und Luftabwehrsysteme herstellt. In Ungarn entsteht ein neues Munitionswerk, in Spanien übernimmt das Unternehmen einen Munitionshersteller. In den kommenden Jahren erwartet Rheinmetall im Militärgeschäft ein Umsatzwachstum von jährlich 15 bis 20 Prozent.
„Man braucht eine eigene Rüstungsindustrie“
Für die Bundesregierung ist Rheinmetall in der Tat eine Art Krisenhelfer: Eine Dimension der Krise ist die schlechte Verfassung der Bundeswehr, die die Bundesregierung mit einem 100-Milliarden-Euro-Programm verbessern will. Allerdings ist die Beschaffung von Rüstungsgütern schleppend. Die Landfahrzeugverhandlungen für die Bundeswehr sollen im ersten Quartal des Jahres abgeschlossen werden, sagte Rheinmetall-Chef Papperger vergangene Woche der „Bild am Sonntag“.
Die Krisenzeiten gehen auch mit einer Verteuerung der Branche einher. Die Beziehungen zur heimischen Rüstungsindustrie seien lange mit einem “schlechten Gewissen” verbunden, sagt Christian Mölling, Rüstungsexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Aus seiner Sicht sei klar: “Man braucht eine eigene Rüstungsindustrie, sonst ist man von anderen Nationen abhängig.”
Polen bestellt lieber in Südkorea
Auch das Auslandsgeschäft spielt bei Rheinmetall traditionell eine große Rolle und macht zwei Drittel des Umsatzes aus. Doch auch hier ist das Unternehmen auf die Unterstützung der Bundesregierung angewiesen – einerseits, weil es Genehmigungen für Rüstungsexporte benötigt; andererseits, weil das Ansehen der deutschen Rüstungsindustrie nicht von der Wahrnehmung Deutschlands in der Geopolitik zu trennen ist.
Allerdings wird Deutschland derzeit von vielen Verbündeten als unzuverlässiger Partner wahrgenommen – wegen seiner mangelnden Bereitschaft, Waffen an die Ukraine zu liefern. Das Beispiel Polen zeigt, wie sehr das Image der deutschen Rüstungsindustrie darunter gelitten hat. Polen bevorratet sich lieber in Südkorea statt beim Nachbarn. Rund tausend Kampfpanzer hat die polnische Regierung dorthin bestellt, dazu Haubitzen und Kampfjets.
“Die Polen haben gemerkt, dass man mit den Deutschen einfach kein Land machen kann”, sagt Rüstungsexperte Mölling. Die Schuld sieht er dafür nicht bei Herstellern wie Rheinmetall, sondern bei der Bundesregierung. Beim Rüstungsgeschäft sollten Staat und Wirtschaft Hand in Hand gehen, so Mölling: „Es macht das Geschäft von Rheinmetall nicht einfacher, wenn es wenig Unterstützung von der Politik gibt.“
Sorgenkind “Puma”
Der Schaden am Schützenpanzer Puma, den Rheinmetall mit seinem Konkurrenten und Partner Krauss-Maffei Wegmann (KMW) gebaut hat, hat dem Image des Düsseldorfer Unternehmens geschadet. Mitte Dezember wurde bekannt, dass alle 18 am Beschuss der Bundeswehr beteiligten Puma-Panzer ausgefallen waren.
Rheinmetall bezeichnete die meisten Schäden später als „gering“. Bereits zwei Wochen nach dem Unglück teilte das Unternehmen mit, dass 17 der 18 Tanker wieder fahrtüchtig seien.
Im Rheinmetall-Werk Unterlüß (Niedersachsen) montiert ein Mitarbeiter Teile des Schützenpanzers Puma. Bild: picture alliance / dpa
Neues Geschäft mit Leopard-Panzern?
Was Reparaturen betrifft, könnte das Unternehmen bald wieder gebraucht werden – wenn die Bundesregierung Leopard-Kampfpanzer in die Ukraine liefert. Obwohl Leopard nicht von Rheinmetall hergestellt wird, hat das Unternehmen vor Jahren Leopard 1- und 2-Panzer gekauft. Bei Bedarf können sie es für den Einsatz in der Ukraine geeignet machen.
Add Comment